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Der Fall Nils B.

2013 spielte ich eine Rolle im Film „Der Fall Nils B.“.

Ein Kind stürzt aus dem Fenster und rast in freiem Fall auf den Boden zu. Den Aufprall aus einer Höhe von knapp 20 Metern wird der kleine Nils B. mit allergrößter Wahrscheinlichkeit nicht überleben – außer, es geschieht ein Wunder …

Man kann den Film bei YouTube ansehen:

Die Geschichte ist nicht erfunden. Sie ist in Paris passiert und stand als Meldung im „Spiegel“: Ein Kleinkind stürzt aus dem vierten Stock, schlägt auf der Markise eines Cafés auf, wird von ihr zurückgeworfen – und landet in den Armen eines Mannes, der unten auf der Straße steht. Das Kind überlebt. Und für den Mann, der an Depressionen litt, wird dieser Moment zum Wendepunkt: Über das Erlebnis findet er aus seiner Krankheit heraus. Ein Fenstersturz als Glücksfall, für beide.

Der Film erzählt das als Kette. Und das Entscheidende an einer Kette ist, dass kein Glied wichtiger ist als das andere – sie hält nur ganz oder gar nicht.

Der Cafébetreiber hat an diesem Vormittag seine Markise ausgefahren, wie an jedem anderen auch. Der siebenjährige Oskar schaut in genau dem Moment nach oben, in dem das Kleinkind fällt, und ist damit der Einzige, der es überhaupt bemerkt. Er zupft seinen Vater am Ärmel – ein Kind, das einen Erwachsenen unterbricht, was normalerweise nichts bewirkt. Diesmal dreht der Vater sich um. Er steht an der richtigen Stelle, er reagiert schnell genug, und er fängt das Kind auf, nachdem die Markise es abgebremst hat.

Nimm ein einziges Glied heraus, und aus dem Film wird eine Todesnachricht. Kein Oskar, der hinschaut – niemand sieht es. Kein Ärmelzupfen – der Vater bleibt mit dem Rücken zur Straße stehen. Keine Markise – der Sturz ist ungebremst. Es geht in acht Minuten also um nichts Kleineres als um die Frage, wie wenig zwischen Zufall und Schicksal liegt.

Ich spiele Said, den Cafébetreiber. Er ist eines dieser Glieder, nicht mehr und nicht weniger, und er tut nichts Heldenhaftes: Er fährt eine Markise aus. Aber er ist die Figur, die dem Ganzen einen Namen gibt. Sein Wort dafür ist Maktub – arabisch für „es ist geschrieben“.

Damit stehen im Film zwei Lesarten nebeneinander. Die eine sagt: eine unwahrscheinliche Verkettung von Zufällen, mehr nicht. Die andere sagt: Es stand ohnehin fest, wir haben nur unsere Handgriffe getan. Der Vater, der auffängt, das Kind, das hinsieht, der Mann, der die Markise ausfährt – keiner von ihnen hat etwas geplant. Der Film entscheidet nicht, welche der beiden Erklärungen stimmt. Er stellt sie nebeneinander.

Der Nürnberger Regisseur Michael Fiebrig hat die Meldung gelesen und sofort einen Film darin gesehen. Herausgekommen ist ein Kurzfilm von acht Minuten, produziert von der Nürnberger Firma Medienjargon und gefördert vom Bayerischen Film- und Fernsehfonds. In der Hauptrolle Stipe Erceg, bekannt aus „Die fetten Jahre sind vorbei“.

Gedreht wurde in Nürnberg, obwohl der Film bewusst nach nirgendwo aussieht: kein Lokalkolorit, keine Burg, keine erkennbare Jahreszeit. Als Kulisse diente das Haus mit dem Balazzo Brozzi in der Hochstraße gegenüber dem Rosenaupark – vierstöckig, mit Café und großer Markise im Erdgeschoss, genau wie im echten Fall. Die Innenaufnahmen entstanden in der Meisengeige, weil deren Einrichtung besser zur Atmosphäre passte. Den Sturz selbst haben sie separat aufgenommen und in die Fassadenbilder montiert; das Kamerateam fuhr dafür an einem Lkw-Kran die Hauswand hoch und runter.

Acht Minuten sind für alle Beteiligten eine eigene Disziplin. Stipe Erceg hat es damals so beschrieben: In einem langen Film habe man Zeit, eine Figur zu entwickeln – hier müsse man komprimiert arbeiten und sehr präzise sein. Das gilt für jede Rolle in diesem Film, auch für die kleinen. Wenn eine Kette in acht Minuten halten soll, muss jedes Glied auf den Punkt sitzen.

Quellen: Nürnberger Nachrichten / nordbayern.de, „Ein Fenstersturz wird zum Glücks-Fall“, 8. Mai 2012; FWU-Mediathek, Inhaltsbeschreibung „Der Fall Nils B.“.

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